Am Anfang war nicht das Wort, sondern der Trick. Das abendländische Bewusstsein, so könnte man sagen, wurde in der Nacht von Troja geboren – jener mythischen Urszene, in der List, Täuschung und instrumentelle Rationalität ihre erste Erprobung als Werkzeuge der Selbstbehauptung fanden.
Die Mauern Trojas stürzten nicht ein, weil sie schwach waren, sondern weil der menschliche Geist lernte, sich der Materie durch List zu bemächtigen. Schon hier kündigte sich jenes Spannungsverhältnis an, das seither die Geschichte des abendländischen Denkens prägt: Die Zunahme an Kontrolle über die Welt steht in direktem Verhältnis zur Entfremdung von ihr.
Dieses Verhältnis – so werden wir sehen – ist nicht kontingent, sondern notwendig. Die Evolution der menschlichen Episteme hat ihren Weg unter der Prämisse eines Missverständnisses zurückgelegt: Der Mensch hat seine wachsende Fähigkeit zur Instrumentalisierung der Welt immer wieder mit einer „Verbesserung" seiner selbst verwechselt. Das trojanische Pferd ist die erste Allegorie eines Prozesses, der zwangsläufig in Hiroshima seinen Höhepunkt findet: Ein Weg, der stets als Fortschritt gefeiert wurde, enthüllt sich retrospektiv als ein Pfad der Selbstgefährdung.
Die instrumentelle Vernunft: Von der List zur Beherrschung
Die List des Odysseus, jene archetypische Verkörperung der Intelligenz, ist nicht bloß eine narrative Pointe, sondern ein epistemisches Prinzip: Intelligenz bedeutet von Anfang an, die Welt als etwas zu betrachten, das verfügbar gemacht werden kann. Diese Grundhaltung ist nicht nur der Keim der westlichen Wissenschaft, sondern auch der Ethos einer Kultur, die sich über ihre Fähigkeit zur Manipulation ihrer Umgebung definiert.
Mit der Aufklärung erreicht dieser Prozess seine Selbstreflexion. Die Welt wird entzaubert, das Universum wird mechanisiert, und der Mensch ernennt sich selbst zum rationalen Architekten seines Schicksals. Doch während er die Natur in Gleichungen zerlegt, wächst gleichzeitig die Entfernung zu ihr. Der Mythos, dass Wissen Macht sei, verschleiert die Tatsache, dass diese Macht immer die Form eines Zerbrechens annimmt: Trojas Mauern, die zerborstenen Horizonte der Kolonialreiche, schließlich die Kernspaltung, die in Hiroshima ihren apokalyptischen Ausdruck findet.
Die christlich-abendländische Tradition, so sehr sie sich moralisch vom Fortschrittsgedanken distanziert, hat diesen Weg paradoxerweise vorbereitet. Ihre metaphysische Dualität – das Oben gegen das Unten, das Geistige gegen das Fleischliche, das Gute gegen das Böse – hat jene Haltung genährt, die die Welt als zu beherrschendes Gegenüber denkt. Der digital-apotheotische Fortschritt der technischen Vernunft der nun noch einmal alles beschleunigt, wird so zum Fortgang von der Einheit mit der Welt. Der Mensch spaltet nicht nur das Atom, sondern auch sich selbst – in ein Subjekt, das „weiß", und eine Natur, die „beherrscht" wird.
Hiroshima: Der Kulminationspunkt des Missverständnisses
Mit der Spaltung des Atomkerns und der Kernspaltung des Bewusstseins wird die Ironie dieses Fortschritts offenbar. In einem Akt äußerster Präzision, der alles Wissen der abendländischen Episteme auf sich vereint, wird die Welt nicht gemehrt, sondern in Gefahr gebracht. Robert Oppenheimers berühmtes Zitat aus der Bhagavad Gita – „Jetzt bin ich der Tod, der Zerstörer der Welten" – ist nicht nur ein Ausdruck persönlicher Erschütterung, sondern die paradoxe Selbsterkenntnis einer Zivilisation, die sich in der Zerstörung ihrer Grundlagen wiedererkennt.
Die künstliche Nuklearfusion und die Abspaltung des biologischen Bewusstseins von sich selbst, sind mehr als intellektuelle Selbstüberschreitungen, es sind Vernichtungswerkzeuge; sie sind die mathematisch-materialisierten Metaphern der abendländischen Denkgeschichte. Sie zeigen, dass der Fortschritt, der stets als Selbststeigerung verstanden wurde, immer auch ein Prozess der Selbstgefährdung war. Die technische Rationalität, die von Troja bis Hiroshima triumphierte, enthüllt sich in ihrem Triumph als lebensbedrohliche Hybris.
Man könnte die Darstellung der instrumentellen Bewußtseinsgeschichte angesichts ihrer unbestrittenen Patial-Erfolge für übertrieben halten, wenn sie nicht gerade ihre erfolgreiche Anwendung in der Realpolitik erlebte. (Ohne die Drohung mit der Atombombe gäbe es wohl kaum diese paranoide Hilflosigkeit der Demokratien gegenüber den Potentaten der Welt.)
Gegenwart: Die Endstation des Fortschritts?
Das zeigt, wir leben heute in den Nachwehen dieses Prozesses. Das, was wir Fortschritt nennen, hat seine Unschuld verloren, und das Bewusstsein dafür, dass jede technische Neuerung eine potentielle Katastrophe in sich trägt, ist zu einem integralen Bestandteil unserer Gegenwart geworden. Die Digitalisierung, die Biotechnologie, die künstliche Intelligenz – all diese Fortschritte zeigen, dass der Weg der Instrumentalisierung nicht rückgängig zu machen ist, sondern uns in eine neue Phase der Unsicherheit führt.
Was bleibt, ist die Frage, ob der Mensch das Missverständnis, das seine Geschichte geprägt hat, jemals durchschauen wird. Kann er den Fortschritt von seiner Selbstgefährdung, die er selbst betreibt, entkoppeln? Oder wird er, wie Troja, wie Hiroshima, wie alle Zivilisationen vor ihm, an seiner eigenen List zugrunde gehen?
Vielleicht liegt die Antwort nicht, wie gut gemeint auch immer, in einem weiteren Schritt nach vorn, sondern in einer Selbstbesinnung. Die Evolution des Bewusstseins mag eine Richtung vorgegeben haben, doch die Geschichte zeigt, dass jeder Fortschritt, der nicht von einer gleichzeitigen Reflexion begleitet wird, blind bleibt.
Von Troja zu Hiroshima. Es ist die Geschichte einer Illusion - und vielleicht die letzte Chance, ihren trojanischen Charakter zu durchschauen. Diese finale Herausforderung beschreibt der Philosoph und Schriftsteller Wolfram Eilenberger in seinem luziden Essay „Die Gegenwart der Philosophie“. Sie betrifft nicht nur die Philosophie, sondern das Denken überhaupt und besteht in einer „Selbstaufklärung im Modus der Desillusion, gar offene Häresie“.
=> „Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden - auch ihr Wahnsinn bricht an uns aus. Gefährlich ist es, Erbe zu sein."
Von Troja zu Hiroshima — Zur Chronik der instrumentellen Vernunft
Philosophischer Essay von Heiner H. Hoier. Eine Chronik der instrumentellen Vernunft des abendländischen Bewusstseins, von der List des Odysseus bis zur Spaltung des Atomkerns. Publiziert als ART WORD EDITION / 1, Volumen I (Position 05), Reihe „Unlimited Art Plateaus" des SLEEPING DOGS UNLIMITED ART PLATEAUS. Begleitende Schrift im Hoier.works Netzwerk.
Philosophical essay by Heiner H. Hoier. A chronicle of instrumental reason in Western consciousness, from the cunning of Odysseus to the splitting of the atom. Published as ART WORD EDITION / 1, Volumen I (Position 05), in the "Unlimited Art Plateaus" series by SLEEPING DOGS UNLIMITED ART PLATEAUS. Companion text in the Hoier.works Network.
Technical Details
Title
Von Troja zu Hiroshima / From Troy to Hiroshima
Subtitle
Zur Chronik der instrumentellen Vernunft / A Chronicle of Instrumental Reason
Alternative Headline
Gegenwart: Die Endstation des Fortschritts? / The Present: The Final Stop of Progress?
Author
Heiner H. Hoier
Genre
Philosophischer Essay / Philosophical Essay
Word Count
867 (DE) · 867 (EN)
Languages
Deutsch (Original) · English (Translation)
Date Published
2026-05-08
Edition
ART WORD EDITION / 1
Series
Unlimited Art Plateaus
Volumen
I (Position 05)
Publisher
SLEEPING DOGS UNLIMITED ART PLATEAUS
Network
HOIER.works
Editorial / Curatorial Note
Die ART WORD EDITION ist die textliche Schwester-Reihe der visuellen Werkgruppen im Hoier.works Netzwerk. „Von Troja zu Hiroshima" eröffnet die Reihe als philosophische Standortbestimmung — eine Chronik der instrumentellen Vernunft, die das abendländische Bewusstsein von seiner mythischen Urszene bis zu seinem apokalyptischen Kulminationspunkt durchschreitet. Kuratorische Begleitung: Erika Margrit Fröhli.
The ART WORD EDITION is the textual sister-series to the visual work groups in the Hoier.works Network. "From Troy to Hiroshima" opens the series as a philosophical positioning — a chronicle of instrumental reason that traces Western consciousness from its mythical primal scene to its apocalyptic culmination. Curatorial direction: Erika Margrit Fröhli.
Opening Quotations
„Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden – auch ihr Wahnsinn bricht an uns aus. Gefährlich ist es, Erbe zu sein."
— Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra
„… des Menschen Verhalten ist sein Schicksal."
— Heraklit
Heiner H. Hoier
Heiner H. Hoier (* 1944, Bremen) ist ein deutscher Zeichner, Maler, Autor und Hochschullehrer. Er studierte Grafik und Malerei an der Hochschule für Künste Bremen und war Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München (1983–2005). Sein Gesamtwerk ist unter hoier.works als Netzwerk autonomer Werkgruppen organisiert.
Als Autor: Neben seinem visuellen Œuvre tritt Hoier seit den 2020er-Jahren als essayistischer Schriftsteller hervor. Die ART WORD EDITION-Reihe versammelt seine textlichen Reflexionen zu instrumenteller Vernunft, Bewusstseinsgeschichte und Kunsttheorie. „Von Troja zu Hiroshima" ist die erste publizierte Schrift dieser Reihe.
Heiner H. Hoier (born 1944 in Bremen, Germany) is a German draughtsman, painter, author and academic. He studied graphic arts and painting at the University of the Arts Bremen (Hochschule für Künste Bremen) and was Professor at the Munich University of Applied Sciences (Hochschule für angewandte Wissenschaften München) from 1983 to 2005. His complete body of work is organised at hoier.works as a network of autonomous work groups.
As an author: Beyond his visual œuvre, Hoier has emerged since the 2020s as an essayistic writer. The ART WORD EDITION series gathers his textual reflections on instrumental reason, the history of consciousness, and art theory. "From Troy to Hiroshima" is the first published text of this series.
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Works in the Hoier.works Network
This text is part of Volumen I of Heiner H. Hoier's body of work, alongside the following related works: